Body-Positivity auf Instagram – eine Kritik

Immer mehr Influencer bedienen sich des Hashtags der Body-Positivity, doch was steckt wirklich dahinter?

Die sozialen Medien bringen zunehmend wichtige Bewegungen in Gange, die durch ihre simple Verbreitung in Stories und Postings auf Instagram, Facebook und Co Menschen erreicht, die sich vorher sicher nicht mit der jeweiligen Thematik auseinandergesetzt hätten.

Uns Allen ist wohl bewusst, dass wir uns nicht immer mit der gebührenden Intensität jenen Themen widmen, die wir während des Durchswipens verschiedener Stories, fast wie im Vorbeigehen, aufschnappen.

Wenn wir Glück haben, läuft uns am nächsten Tag eine Meinung über den Weg, die wir aufnehmen, manchmal sogar einordnen, selten aber kontextualisieren. Slogans lassen sich gut reposten, sodass wir uns mit ihrer Strahlkraft schmücken und unser Bild nach Außen mehr zu dem machen, wie wir eigentlich sein wollen: Bewusst, Spirituell, Kritisch. Wir kümmern uns, uns ist nichts egal.

Dies bringen wir durch einen Beitrag in unserer Instagram Story zum Ausdruck.

Influencer und die wichtige Message auf Instagram

Das was wir auf den sozialen Netzwerken tun ist oftmals nichts anderes als personal branding. Aber wie weit darf man gehen? Dürfen die Marketing-Maßnahmen des eigenen Instagram-Accounts so oberflächlich sein?

Wenn wir uns schon für Inhalte einsetzen, sollten diese dann nicht lieber gut recherchiert sein? Oder reicht es eine Phrase nach der anderen zu reposten für „ein bisschen“ Awareness?

In den letzten Wochen habe ich vermehrt Postings zum Thema Body-Positivity gesehen. Was mich daran irritiert ist, dass die Postings oftmals von Menschen veröffentlicht wurden, die mit ihrem Körper absolut dem gängigen Schönheitsideal entsprechen.

Auf Bildern, in denen man einen Vergleich ziehen wollte zwischen „gepost“ und „ungepost“ oder „nach dem Aufstehen“ und „nach einer Mahlzeit“ erkannte ich oftmals nicht mal einen Unterschied. Beide Seiten entsprechen dem gängigen Ideal. Wie soll sich da jemand fühlen, der zum Beispiel Diskriminierung in Form von Fat-Shaming erlebt?

Es ist selbstverständlich total legitim, dass auch schlanke, normschöne Frauen Probleme mit ihrem Körper und ihrer Selbstwahrnehmung haben. Allerdings sehe ich ab einer gewissen Reichweite eine Verantwortung in der Position eines Influencers die Message und Hashtags doppelt zu überprüfen. Passt diese Bewegung zu mir oder nutze ich sie gerade aus um mich zu profilieren?

Ich bin mir sicher, dass diese Influencer keine bösen Absichten mit ihren Postings verfolgen, sogar eher denken, sie tun mit diesen Beiträgen etwas Gutes. Aber diese Art von Darstellung und Aneignung des Begriffs der Body-Positivity ist problematisch.

Body-Positivity-Bewegung und #BodyPositivity

Seit vielen Jahren nutzen Frauen mit nicht-normativen Körpern Plattformen wie Instagram, um dominante Ideale weiblicher Schönheit in Frage zu stellen und fordern damit ein Umdenken der Gesellschaft ein.

Viele Frauen nutzen die Möglichkeit ihre Geschichte zu erzählen und tauschen sich unter dem Hashtag #BodyPositivity über Erfahrungen mit Body-Shaming aus. Mit dem Hashtag steigern sie die Reichweite der Thematik und fordern auch typische Instagram-Beauty-Standards heraus. Sie konfrontieren die Instagram Community mit den Erwartungen die an die Körper von Frauen gerichtet sind.

Die Body-Positivity Bewegung hat ihre Wurzeln aber bereits im 20. Jahrhundert während der Feminismus-Bewegung in den späten 1960er Jahren. Im Fokus hierbei standen vorrangig Fragen der Körperpolitik und die Diskriminierung von dicken Körpern. Im Laufe der Jahre blühte die Bewegung weiter auf und nahm viele verschiedene Formen an.

So widmete sie sich auch interdisziplinären Themen und man kämpfte nicht nur für Akzeptanz von dicken Menschen, sondern zum Beispiel auch für Trans- und Queer-Inklusivität.

Die Bedeutungsverschiebung von Body-Positivity durch Instagram

Aktuell findet man allerdings unter dem Hashtag #BodyPositivity sehr viele konventionell attraktive, dünne weiße Frauen, die sich positiv über ihren Körper äußern.

Dabei ist zu beachten, dass dünne Körper nicht den gleichen Grad an Stigma, Hass, negativer Behandlung und Diskriminierung wie dicke Körper erhalten. Dicken Menschen werden in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens diskriminiert.

So kann man also meinen, dass sich die Bewegung von einer ursprünglich sehr fokussierten Bewegung, welche marginalisierte Gruppen stützte, zu einer „#AllLivesMatter“-Bewegung die bedeutungsvolle Unterschiede auslöscht, entwickelt.

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Wird sich die Bewegung nun kurzerhand von weißen, normschönen Influencern angeeignet, um ihrer Existenz auf Instagram gerecht zu werden und ein bisschen Moral in die Welt zu tragen? Man hat ja schließlich eine Vorbild-Funktion.

Wer einen solchen Beitrag veröffentlicht, hält nämlich weiterhin die Idee aufrecht, dass schlanke Körper das standardmäßige Schönheitsideal darstellen. Diese Körper werden weiterhin idealisiert, obwohl die Body-Positivity Bewegung doch bereits schon viel weiter war?

Dass sie damit eher einen Schritt zurück als einen Schritt voran gehen, fällt ihnen offensichtlich nicht auf. Die Follower applaudieren.

Schmaler Grad zwischen persönlicher Profilierung und Awareness?

Frauen, die einfach immer dem Schönheitsideal entsprechen, egal ob gepost oder ungepost und anscheinend jeden noch so kleinen Makel mit einer simplen Positionsveränderung wett machen können, realisieren anscheinend nicht, dass die angesprochene Bewegung jenen Frauen gehört, die nicht mal eben mit einem ausgestreckten Hintern eine Thigh Gap zaubern können.

Sich eine Bewegung für das eigene Branding auf Instagram anzueignen als privilegierte Person, die offensichtlich niemals in Berührung mit Fat-Shaming gekommen ist, ist in meinen Augen einfach übergriffig, ignorant und kontraproduktiv.

Es ist prinzipiell paradox Kritik an einer Gesellschaft auszuüben, die bestimmte Körper anderen Körperformen vorzieht mithilfe einer körperfixierten Taktik, welche wiederum den Fokus auf das Äußerliche legt.

Wenn allerdings marginalisierte Menschen mit ideal-abweichenden Körperformen auf diesen Missstand bildlich aufmerksam machen und ihre Körper inszenieren, sorgt das für die Verbreitung der Message und mehr Akzeptanz.

Das ist kein Appell daran, dass normschöne Frauen oder Männer aufhören sollen ihre Körper zu inszenieren. Keineswegs. Aber werdet euch eurer Selbst bewusst und schreibt es nicht nur in die Hashtags. Reflektiert euer Selbstbild, die Wirkung eures Körpers auf Andere, eure Privilegien und eure Verantwortung.

Stellt euch die Frage: Ist dieses Thema was für mich? Oder nehme ich hier jemand anderem den Raum, um für Akzeptanz und echte Diversität zu sorgen? Trage ich eventuell sogar gerade dazu bei das Stigma zu befeuern? Bin ich wirklich betroffen oder will ich einfach nur mal ein bisschen Inhalt und Moral für meinen Feed?

Bitte, normschöne Influencer, sucht euch ein eigenes Problem oder macht auf Menschen aufmerksam, die wirklich von struktureller Diskriminierung betroffen sind.