Die teils problematische Darstellung von Selbstliebe auf sozialen Medien – ein Gedanke

Warum wir Selbstliebe als eine Übung verstehen sollten, in die wir jederzeit einsteigen können und welcher gesellschaftliche Irrglaube ein verfälschtes Konzept von Selbstliebe bedingt

#selflove soweit das Auge reicht. Immer mehr Influencer und Blogger reden auf sozialen Medien über vermeintliche Makel, mentale Gesundheit und Selbstliebe. Trotz allen guten Intentionen kann da dennoch beim Content-Konsumenten ein Gefühl des Mangels entstehen. Denn die Liebe zu sich selbst wird oft als ultimatives Ziel angepriesen, das erst im Alltag integriert werden kann, wenn man einen gewissen Punkt der Selbstreflexion erreicht hat. 

„Man muss sich erst selbst lieben, bevor man auch jemand Anderes lieben kann.“

Wer auch nur ein wenig Zeit auf Sozialen Medien verbracht hat, kennt diesen Satz in- und auswendig. Hat ihn vielleicht selbst auch schon das eine oder andere Mal gepredigt. Leider generiert er in der Regel beim Gegenüber das genaue Gegenteil von Selbstliebe – nämlich Selbsthass. 

Natürlich ist es wichtig, dass man in erster Linie eine gute Beziehung zu sich selbst und seinen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen pflegt und diese somit auch offen kommuniziert. Was diese Aussage aber auch impliziert: „Wenn ich mich nicht 100%ig liebe, bin ich noch nicht vollkommen. Ich bin noch mangelhaft. Dafür muss ich mich schämen. Ich muss durch Entwicklung und Tun erst an einen Punkt kommen, an dem ich einen Wert bekomme. Erst dann darf ich mich akzeptieren. Ich muss mich optimieren, damit ich Liebe verdiene.“ 

Sich bedingungslos lieben, nur für das eigene Sein scheint uns oft fremd

So verwechseln wir Selbstoptimierung mit Selbstliebe. Die Grundannahme „Ich muss etwas tun, um geliebt zu werden“ scheint unfassbar tief in unserer Gesellschaft verwurzelt zu sein: Kapitalistische Systeme. Eltern die nur Lob aussprechen, wenn das Kind etwas Besonderes macht oder sich in einer bestimmten Weise verhält. Benotungen in der Schule. In unserem ganzen Leben geht es immer darum, eine Leistung zu erbringen um im Gegenzug das Feedback „Du bist okay!“ zu bekommen.

Natürlich fällt es dann schwer, sich plötzlich einfach so, nur für das eigene Sein anzunehmen. Mit all seinen Fehlern und vermeintlichen Schwächen…um diesen im besten Fall auch noch mit Mitgefühl zu begegnen! Uns selbst einfach so anzunehmen, in diesem Moment, scheint wenn man genauer darüber nachdenkt, wie die größte Rebellion gegen ein System, das maßgeblich davon profitiert, wenn wir permanenten Mangel im eigenen Sein verspüren. Denn aus diesem Mind-Set heraus, kaufen wir, um zu kompensieren, mehr als wir brauchen. Horten. Protzen. Suchen im Außen verkrampft nach Ventilen, um das Gefühl der Scham und der eigenen Unzulänglichkeit auszubalancieren. 

Hinzu kommt eine gewisse Angst, als egoistisch empfunden zu werden, wenn wir anfangen, Dinge zu tun weil wir spüren, dass sie uns selbst in dem Moment guttun. Oft ersticken wir dann genau da den Keim der Selbstliebe: Wenn wir unsere persönlichen Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen verleugnen. Seit Jahrhunderten wird Selbstlosigkeit als das Non plus Ultra zelebriert und vermittelt – direkt und indirekt. Wer selbstlos ist, gilt als tugendhaft, heilig, beispielhaft. 

Selbstliebe hat nichts mit Selbstlosigkeit oder Narzissmus zu tun

Aber wie soll man gerne geben, wenn man nie lernt sein eigenes Glas zu füllen? Ständig darum bangt zu verdursten, weil man im Gegenzug von den Anderen erwartet, dass sie das Gleiche für einen tun und dann verbittert, weil es am Ende nie einer macht (oder anders als man es gerne hätte…). Ist man dann wirklich so selbstlos, wenn man das Geben an die Erwartung koppelt, auch wieder etwas zu bekommen? 

Wenn man das Wort Gegenteil genau nimmt, und Egoismus als Gegen-Teil von der Selbstlosigkeit, ist es auch genau das: Das passende Puzzlestück, zwei äußerlich scheinbar gegensätzlicher Geisteszustände, die aber in ihrer Essenz dasselbe sind. Ein Zustand des Verdurstens und das Leben in der ständigen Angst davor. Nimmt der Egoist oder Narzisst nicht letztendlich nur so viel, weil am Grunde des Bodens ein schlechtes Selbstwertgefühl liegt, das alles Wasser aufsaugt das es bekommen kann um sich ein wenig besser – vollwertiger– zu fühlen? Es ist auch ein Zustand des Mangels. Wer ständig denkt, nicht genügend zu haben, nicht genügend zu sein, kann auch nichts geben. 

Erinnere dich: Du bist bereits vollwertig!

Und wie spielt nun die Selbstliebe hierein? Um bei diesem Bild zu bleiben: Selbstliebe ist der Zustand der Fülle und des Übersprudelns. Wer in der Selbstliebe ist, weiß, dass er sich erst um sich selbst kümmern muss, um gerne geben zu können. Er weiß aber auch, dass es genügend Wasser für alle gibt und er nicht ständig darum kämpfen muss. Er weiß, dass er und auch alle anderen vollwertig sind und lebt in der Mitte der Extreme Selbstlosigkeit und Egoismus. 

Und das Wichtigste: Er kann sich verzeihen, wenn er in bestimmten Situationen aus seiner Mitte, in die eine oder andere Richtung schlägt. Das ist völlig okay. Das ist menschlich. Wir alle tanzen diesen Drahtseilakt täglich – irgendwo auf diesem Spektrum. Und das ist verdammt anstrengend. Fangen wir erstmal an unser Verhalten zu reflektieren und uns aus unserer Ecke zu bewegen, kommen uns plötzlich alle Glaubenssätze und Verletzungen entgegen, die wir irgendwann mal verinnerlicht haben und die uns jetzt weiß machen wollen: Bleib da wo du bist, in der Ecke ist es sicherer, diese Seite ist die „Bessere“! 

Der Weg in die bedingungslose Selbstannahme

Genau deshalb ist es so wichtig, Selbstliebe als eine Übung zu verstehen. Eine Reise in die absolute Achtsamkeit und Ehrlichkeit zu sich selbst. Wenn wir verstehen, dass weder die eine noch die andere Seite „gut“ oder „schlecht“ ist, weil beide das gleiche innere Mangelgefühl erleben, fällt es uns auch leichter, diese Teile bei uns anzunehmen, sie nicht mehr zu unterdrücken und ihnen den Raum für die Heilung geben, den sie brauchen. 

Dass das nicht innerhalb von 24 Stunden passieren kann, sollte klar sein. Wir müssen normalisieren, dass es sich bei dem Weg zur Selbstliebe um einen ewig andauernden Prozess handelt. An manchen Tagen läuft es leicht, an anderen weniger. An allen gilt: Wir sind bereits genug, vollwertig und müssen uns nur wieder daran erinnern. Dieses Gefühl der Ganzheit und Verbundenheit ist letztendlich das Fundament für Selbstvertrauen, einen guten Selbstwert und Selbstachtung – der Ort, an dem wir Frieden und innere Ruhe empfinden. Zur Selbstliebe gehört aber genauso Selbstvergebung. Nur so können wir alle Teile von uns annehmen. Auch dass das nicht jeden Tag klappt, ist völlig in Ordnung und ganz normal.

Eine ewige Übung

Meine liebste Methode, um mehr Selbstliebe in meinem Alltag zu integrieren ist von Teal Swan, einer spirituellen Lehrerin und Speakerin. Bei großen und kleinen Entscheidungen versuche ich mich immer zu fragen: „Was würde jemand tun, der sich selbst liebt?“ Meistens weiß ich die Antwort, ohne lange zu zögern und natürlich ist es dann nicht: „Schaue doch noch eine Stunde Netflix, um dich von deinem Berg Unikrams abzulenken.“ Klappt auch nicht jedes Mal, aber hey, es ist alles ein Lernprozess! 

Selbstliebe ist so ein komplexes Modell aus vielen Dimensionen, die sich zunächst nicht alle gleichzeitig bedienen lassen. Und entgegen dem Gefühl, dass manchmal durch #selflove auf sozialen Medien entsteht, ist dieser Prozess eben mehr als ein kurzfristiger Trend, in den man schnell mal einsteigt, etwas Zeit investiert und dann als erledigt und verstanden abhaken kann, sondern eine ewige Übung um ein Leben im Einklang mit sich und seiner Umwelt zu führen.